...mil veces la vida, para qué vivir?...

Dienstag, 27. Dezember 2011

Die Nähe für den Augenblick



Ich frage mich immer wieder: Wie ist das mit der Nähe beim Tango? 
So nah wie beim Tango kommt man sich üblicherweise ja nicht so schnell. Oder wann begegnet man einem halb Fremden oder halb Vertrauten - wie auch immer - schon Wange an Wange, den Geruch des anderen in den Sinnen? Und wie oft lässt man auch die nicht körperliche Art von Nähe im "normalen" Leben zu? Vermutlich viel zu selten - aus welchen Mechanismen heraus auch immer.

Ist es vielleicht gerade das, was den Tango so verführerisch erscheinen lässt? Was uns zu ihm hintreibt, was uns nicht mehr von ihm loskommen lässt? Denn mal abgesehen davon, dass er ganz profan gesehen ein Tanz ist, eine Beschäftigung, eine Art Sport, ein Freizeitvergnügen....da ist noch etwas anderes, Tieferes, was diese Faszination ausübt und sich manches Mal wie eine Art Sucht anfühlt.

Ist es die Nähe, die man beim Tango bekommt? Denn er stillt doch letzlich genau das: unsere leise, tiefe, ureigentliche Sehnsucht nach Geben und Nehmen, nach Achtsamkeit und Respekt, nach Zweisamkeit. Und nach Nähe....und der Tango gibt sie uns. Für drei Minuten, für zehn, für einen Abend. Und das auf eigentlich völlig unverbindliche Art und Weise – ja, man muss nicht mal reden, sich nichts versprechen, es bleibt dabei, es ist die Nähe für den Augenblick. Wie weit man darüber hinaus gehen will, bleibt jedem selbst überlassen. Fakt ist aber, man muss nicht. Man kann sich Nähe »holen«, ohne ihre Folgen tragen zu müssen.  


Sind vielleicht gerade deshalb Menschen beim Tango anzutreffen, die im Leben außerhalb des Tangos diese Angst vor Nähe, vor Beziehung, vor dem Sich-Öffnen haben? In diesem Fall ist der Tango natürlich eine wunderbare Möglichkeit, das Nähe-Bedürfnis zu stillen, ohne in irgendeine Art von Verbindlichkeit zu gelangen.
Ralf Sartori hat es ganz treffend die »die Drei-Minuten-Beziehung des Tangos« genannt: »Intensiv, leidenschaftlich, sinnlich und ohne Nachspiel. Fast-Food für die Seele.«

Sich Nähe holen, aber auch eine subtilere Art von Begegnung zwischen Mann und Frau erleben. Gerade in einer übersexualisierten Zeit, in der es nur noch um plakative Erotik geht und alles möglich ist, optionale Online-Partner verfügbar sind wie Sand am Meer, Teenager sich in Social Networks über Sex austauschen, Männer und Frauen sexuelle Grenzen überschreiten ohne eine emotionale Verantwortung einzugehen.
Da ist es doch wie ein heilsames Aufeinandertreffen von zwei Menschen, die sich einfach in einer zarten Umarmung begegnen, aufeinander eingehen, vielleicht einen Moment der Sinnlichkeit oder der Anziehung erleben. Oder auch nicht. Denn Tango kann, muss aber nicht Erotik sein. Hier geht es mehr um Gänsehaut und feinsinniges Erleben... Es ist die Umarmung, die uns an einen entscheidenden Punkt bringt, hinein in diesen wortlosen Dialog zwischen Mann und Frau, zwischen Mensch und Mensch. »Und es kann sein, dass du mit einer fremden Person tanzt und es dir erscheint, als ob du sie schon lange kennst« sagt Héctor Corona (Tangolehrer).  »Dann können drei Minuten sein wie ein ganzes Leben.«


(siehe hierzu auch den interessanten Artikel »Sinnlichkeit und Sucht« von Annett Welsch.)



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